Wer freundlich ist, gilt oft als naiv oder grenzenlos. Warum echte Freundlichkeit in einer lauten Welt in Wahrheit die größte Stärke ist.
Es ist 18:42, ich sitze auf meiner Terrasse und wollte mir gerade ein paar Gedanken zu einem neuen Blogbeitrag machen. Spoiler: Die letzten Wochen liefen echt unter der Kategorie : nix geht mehr. Man denkt ewig nach, tippt drei Sätze, löscht fünf und am Ende klingt alles entweder nach steriler Liste oder nach toxischer Generalabrechnung mit der Menschheit.
Aber pünktlich zum Feierabend hat mich dann doch noch ein Thema angesprungen, das mir den ganzen Tag irgendwie schon im Kopf rumspukt: Warum wird Freundlichkeit eigentlich so oft als Schwäche ausgelegt? Gilt man heute automatisch als naiv, grenzdebil oder potenzielles Opfer für die Ellenbogenfraktion, nur weil man nicht schreiend und komplett aggro durch den Alltag rennt?
Warum wird uns also Freundlichkeit so oft als Schwäche ausgelegt?
Ich denke, weil echte Freundlichkeit in unserer heutigen Leistungs- und Ellenbogengesellschaft oft mit Unterwerfung, Naivität oder Profillosigkeit verwechselt wird.
Wer freundlich ist, wehrt sich nicht, drängelt sich nicht vor und verzichtet im ersten Moment auf dieses ätzende Dominanzgehabe. In einer Welt, die auf Lautstärke, Durchsetzungsvermögen und permanenten Wettbewerb poliert ist, wirkt das auf manche tatsächlich wie eine Einladung, anderer Leute Grenzen zu überschreiten (Ich zuerst und mir das meiste).
Hinter diesem Phänomen stecken aber ein paar ganz gravierende psychologische und gesellschaftliche Fehlschlüsse:
1. Der Fehlschluss: Wer nett ist, hat keine Grenzen?
Viele Menschen können zwischen Freundlichkeit und Grenzlosigkeit nicht unterscheiden. Sie glauben, wer freundlich lächelt und einen Raum mit Wohlwollen betritt, tut das, weil er Angst vor Konflikten hat oder es jedem recht machen will (klassische Höflichkeitsfalle). Sie interpretieren das Entgegenkommen als Schwäche im Selbstwert und denken: „Mit der oder dem kann ich das ja machen, wehrt sich eh nicht“ (Hinweis: äh, neeee. Nur freundlich, nicht naiv.)
2. Das evolutionäre Erbe: Dominanz vs. Kooperation
Tief in unserem Reptiliengehirn sitzt noch die echt alte Software: Wer laut ist, Raum einnimmt und Zähne zeigt, signalisiert Stärke und Status (ich bin der größte, beste, schnellste, whatever) . Freundlichkeit hingegen basiert erstmal auf Kooperation, Empathie und Deeskalation. Wer freundlich agiert, signalisiert Friedfertigkeit. In einem Umfeld, das aber im Kampf-Modus läuft, wird Friedfertigkeit fatalerweise als mangelnde Wehrhaftigkeit gedeutet (das kann böse enden, Schatz).
3. Projektion eigener Härte
Menschen, die selbst gelernt haben, dass man im Leben hart, unnahbar und misstrauisch sein muss, um zu überleben oder Erfolg zu haben, verachten Freundlichkeit oft unbewusst. Sie projizieren ihre eigene Härte auf andere. Für sie ist ein freundlicher Mensch entweder naiv (was für ein Opfer) oder berechnend (ätzender Schleimer). Dass Freundlichkeit aber aus einer superschönen inneren Fülle und einer ganz bewussten Entscheidung heraus entstehen kann, passt so gar nicht in ihr Weltbild.
Warum Freundlichkeit in Wahrheit die größte Stärke ist
Es braucht ehrlich gesagt absolut keine Kraft, arrogant, laut, abwertend oder ignorant zu sein. Sich anzupassen oder aus Selbstschutz die Ellenbogen auszufahren, ist leicht.
Echte Freundlichkeit ist tatsächlich aber das totale Gegenteil von Formbarkeit.
Sie ist eine bewusste, (und ganz ernsthaft) eine sehr kraftvolle Entscheidung. Sie bedeutet:
- Trotz der Härte da draußen weich zu bleiben.
- Den eigenen inneren Raum so stabil zu halten, dass man der Welt mit Güte begegnen kann, ohne sich von der Bitterkeit anderer anstecken zu lassen.
- Ein klares „Nein“ auszusprechen, das absolut unmissverständlich ist, ohne dabei laut oder verletzend werden zu müssen.
Mir fällt gerade beim Schreiben ein Zitat ein, das perfekt dazu passt:
Having a soft heart in a cruel world is courage, not weakness
Wahre Freundlichkeit braucht ein ziemlich massives Fundament aus Selbstwert und innerer Ruhe. Sie ist nicht formbar, sondern unglaublich stabil wie ein Fels, der aberMoos ansetzen darf, damit er weich anzufassen ist. Und genau das vermittelt, was man tief innen fühlt: Freundlichkeit und Wärme mit einem starken Inneren.
Und jetzt, als ich gerade den Schlusspunkt setzen wollte, kam mir noch ein Gedanke, den ich auch wieder gestern mit einer Freundin hatte:
Das „Drama Queen“-Label: Wenn Grenzen als Hysterie verkauft werden
Es gibt da nämlich noch diese ganz spezielle Dynamik, die besonders Frauen schmerzhaft gut kennen. Solange wir lächeln, nicken und die Harmonie im Raum retten, ist die Welt in Ordnung. Doch in dem Moment, in dem wir ein klares, unmissverständliches „Nein“ aussprechen und eine Grenze setzen, wechselt das Gegenüber oft blitzschnell das Narrativ. Aus der netten, umgänglichen Frau wird plötzlich die „Drama Queen“. Wir sind kompliziert, überempfindlich oder direkt aggressiv ooooder, noch schöner, hysterisch.
Das ist ein psychologischer Trick, der verdammt gut funktioniert, weil er an unserem tief sitzenden Harmoniebedürfnis andockt. Wer will schon diejenige sein, die die Stimmung vermiest? Also schluckt man das Nein lieber wieder hinunter, um bloß nicht als „anstrengend“ zu gelten.
Die Wahrheit ist aber: Grenzen zu haben und diese klar zu kommunizieren, hat absolut nichts mit Drama zu tun. Und es ist auch nicht unfreundlich. Es ist schlichtweg Klarheit. Und Klarheit ist immer fair oder? Denn Klarheit hat eine große MESSAGE: Transparenz für dein Gegenüber.
Interessanterweise ist das aber tatsächlich oft ein Lernprozess, der erst mit dem Alter so richtig Fahrt aufnimmt. Je mehr man die Zwanziger (oder Dreißiger.. oder Vierziger 😖) hinter sich lässt, desto müder wird man, anderen gefallen zu wollen. Man lernt, dass ein „Nein“ zu anderen ein „Ja“ zu sich selbst sein kann und zwar ganz ohne das obligatorische schlechte Gewissen im Gepäck oder? Meistens jedenfalls 😉

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