Über die neue Art von Narzissten in unserer Gesellschaft
Der inflationäre Begriff „Narzissmus“
Es gibt kaum ein Wort, das in den letzten Jahren so sehr an Aufmerksamkeit gewonnen hat, wie „Narzissmus“. In sozialen Medien, im ganz normalen Alltag, Zeitschriften (Blogbeiträgen 😉), sogar in Gesprächen unter Freunden fällt er immer wieder. Oft als Schlagwort, manchmal als total sichere Diagnose. Und ja: Man sollte wirklich vorsichtig sein, den Begriff nicht zu leichtfertig zu verwenden. Aber gleichzeitig beobachten viele von uns ein wirklich beunruhigendes Phänomen, das über klassische Eitelkeit hinausgeht.
Nettigkeiten als Köder
Besonders auffällige Dynamik: das bewusste Verteilen von „Häppchen“. Mal ein Kompliment hier, mal ein Lob dort, aber immer mit Intention. Immer steckt eine ganz genau kalkulierte Absicht dahinter. Natürlich ist deshalb nicht jeder, der ein Kompliment macht oder höflich ist, ein Narzisst. Im Gegenteil. Die Absicht dahinter zählt.
Die Menschen, von denen ich spreche, schenken Anerkennung nicht aus dem Herz heraus, um jemandem was Gutes zu tun, sondern gezielt dosiert. Sie spielen mit Zugehörigkeit und Ausschluss, mit Aufmerksamkeit und Ignoranz. Heute darfst du dazugehören, morgen wirst du fallengelassen. Das Prinzip: Der andere soll verunsichert werden, sich immer wieder bemühen müssen, um im „inneren Kreis“ bleiben zu dürfen.
Das ist ein Stück weit normal, schon Kindergartenkinder lernen das Prinzip der Gemeinschaftsbildung durch Ausschluss.
Die Medien als Spiegel
Wer aber einmal genauer hinschaut, entdeckt dieses Muster längst nicht mehr nur im persönlichen Umfeld. Reality-TV-Formate leben regelrecht von diesem Spiel. Da wird mit Ausgrenzung, „Wiedereinschleusen“ und gezielten Schmeicheleien gearbeitet und das alles vor laufender Kamera. Was im Fernsehen wie Unterhaltung wirkt, sickert aber nach und nach vergiftend in unsere Gesellschaft. Es prägt unbewusst unser Miteinander, weil wir es so oft sehen und konsumieren.
Wenn Empathie verloren geht
Das eigentlich Beunruhigende daran ist nicht nur die Manipulation selbst, sondern die Tatsache, dass sie immer normaler zu werden scheint. Empathie, die Fähigkeit, wirklich hinzuhören, sich in andere hineinzuversetzen und aufrichtig Anteil zu nehmen, gerät dabei ins Hintertreffen.
Stattdessen zählt oft nur noch der eigene Vorteil: Wie kann ich andere für mich einspannen, ohne dass sie es merken? Wie bekomme ich Bewunderung, wie sichere ich mir Gefälligkeiten? Vorteile? Wie sorge ich dafür, dass mir jemand aus der Hand frisst, um zu bekommen, was ich möchte? Wie erkenne und lote ich die schwächste Stelle meines Gegenübers am besten aus, um dort anzusetzen?
Erfolg um jeden Preis
Es ist ein Verhalten, das sich nicht nur in Medienformaten zeigt, sondern auch im Alltag: im Beruf, in Freundeskreisen, manchmal sogar in Familien. Erfolg, Anerkennung und Status stehen im Vordergrund und zwar so sehr, dass man bereit ist, über Leichen zu gehen. Subtile Spielchen ersetzen ehrliche Beziehungen. Menschen werden instrumentalisiert, nicht mehr als eigenständige Persönlichkeiten gesehen, sondern als Mittel zum Zweck.
Ein Kompliment ist nicht mehr ehrlich und aus tiefstem Herzen, sondern nur noch Werkzeug. Wie traurig.
Ein Appell an Menschlichkeit
Natürlich können wir die Gesellschaft nicht von heute auf morgen ändern. Aber wir können bei uns selbst anfangen. Indem wir bewusst hinschauen, uns nicht manipulieren lassen und indem wir Empathie wieder einen größeren Stellenwert geben. Wirkliche Stärke liegt nicht darin, andere zu kontrollieren, sondern Beziehungen auf Augenhöhe zu führen. Ehrlichkeit, Wertschätzung und echtes Zuhören sind keine altmodischen Tugenden, sondern das Fundament eines gesunden Miteinanders.
Was wirklich zählt
Ich glaube, genau deshalb sehnen wir uns nach ehrlichem Miteinander. Nach Menschen, die zuhören, ohne gleich zu bewerten. Nach Gesprächen, die ohne Hintergedanken stattfinden. Nach Zugehörigkeit, die nicht an Bedingungen geknüpft ist.
Wirkliche Stärke liegt nicht darin, andere zu kontrollieren oder geschickt zu manipulieren. Stärke bedeutet, sich verletzlich zu zeigen, ehrlich zu sein und Empathie zu leben, auch dann, wenn es manchmal unbequemer ist.
Und vielleicht ist es genau das, was wir uns zurückholen müssen: das Vertrauen darauf, dass Beziehungen nicht auf Machtspielen basieren müssen, sondern auf gegenseitigem Respekt. Dass wir nicht erst etwas leisten oder uns anpassen müssen, um geliebt, gemocht, wertgeschätzt und gesehen zu werden.
Ich für mich habe beschlossen: Ich hüte meine Menschen, die nicht taktieren, sondern ehrlich sind. Menschen, bei denen ich keine Rolle spielen muss. Menschen, die man mitten in der Nacht anrufen könnte und die trotzdem ans Telefon gehen.
Und vielleicht brauchen wir alle ein bisschen mehr davon: weniger Spielchen, weniger Masken und weniger Manipulation. Dafür mehr Empathie, mehr Wärme, mehr echtes Menschsein. 🖤
Eva






