Die Kunst des Dazwischen: Warum das Unfertige lebendiger ist als jedes perfekte Ergebnis

Wir lieben schnelle Vorher-Nachher-Vergleiche und Ergebnisse. aber das eigentliche Leben spielt im Zwischenraum: Warum das Unfertige, Baustaub und Geduld so wertvoll sind.

Der Schnitt im Kopf: Unser Zwang zum schnellen Ergebnis

Kommt mir das nur so vor oder hat unsere Gegenwart eine regelrechte Obsession mit Vorher-Nachher-Bildern?

Ich seh die überall: kurzer Blick auf das Vorher, harter Schnitt, und zack: das glänzende, makellose Nachher. Renovierte Küche, der aufgeräumte Kopf, das perfekt polierte Projekt, perfekte Outfit- Symbiose aus Adidas Originals und Cargopant für Millenial- Moms. Makeovers everywhere… (Hand aufs Herz: Wie oft scrollen wir an den glatten Fassaden vorbei und fühlen uns danach seltsam leer?)

Was dazwischen liegt, wird komplett raus radiert. Der Dreck, die Tränen, der Baustaub auf den Dielen, das zähe Warten, die Phasen, in denen etwas einfach nur scheiße aussieht, weil man sich einfach nicht dran gewöhnen kann und dort dann die eigenen Zweifel am lautesten dröhnen.

Das will niemand sehen, weil es Geduld verlangt (und Schwächen offenlegt?), und Geduld passt so überhaupt gar nicht in unsere Welt, die auf den schnellen Klick und das fertige Ergebnis (perfekt natürlich) getrimmt ist.

Aber die Wahrheit ist doch: In diesem weggeschnittenen Zwischenraum passiert eigentlich die ganze Musik.

Alles ist möglich: Die Schönheit des Unfertigen

Solange was im Werden und Entstehen ist, steckt aber doch noch alles drin. Ein Raum, an dem gearbeitet wird, riecht nach Aufbruch und kaltem Putz. Feuchter Ton auf dem Brett hat noch jede Form vor sich, er kann noch kippen, wachsen, sich völlig verändern. Ein Text im allerersten Entwurf darf noch widersprüchlich und unfertig sein und sich komplett unlogisch anhören (Roter Faden, wo bst du?)

Sobald wir aber etwas als fertig abhaken, erstarrt es auch ein Stück weit. Es wird unantastbar, abgeschlossen, starr und unflexibel.

Das Dazwischen aber hat irgendwie eine Lebendigkeit, die sowas Perfektes gar nicht besitzen kann, weil ihm die Bewegung fehlt.

Perfektion spiegelt nichts wider, sie lässt keinen Raum zum Atmen.

Die Reibung annehmen: Den Leerlauf aushalten

Klar ist dieser Zustand ätzend und ungemütlich. Übergänge fordern uns heraus, weil wir Kontrollverlust hassen (Kennst du dieses flaue Gefühl im Magen, wenn etwas Altes vorbei ist, das Neue aber noch keinen Namen hat?)

Wenn man noch nicht weiß, wie das Ganze am Ende aussieht, egal ob im Kopf, im Garten, im Haus oder bei einer Lebensentscheidung, entsteht Stress. Man muss diesen Leerlauf aushalten, ohne sofort nervös nach der nächsten Abkürzung zu greifen und zum perfekten Endergebnis zu kommen.

Wir müssen wieder lernen, eine Entwicklung als was Positives zu sehen.

Wobei: Vielleicht ist genau das schon das Missverständnis.

Wir stempeln Entwicklung so reflexartig als Aufstieg ab, als ständiges Besserwerden, Optimieren, Vorankommen. Aber echte Veränderung ist erst einmal wertneutral. Sie ist kein zauberhafter Gang über eine saubere Treppe, sondern wirft Staub auf, reißt Baustellen auf und kostet oft genug die Bequemlichkeit von allem, was uns Vertraut ist (Good bye Komfortzone?).

Der eigentliche Wert von Entwicklung liegt nicht darin, dass am Ende ein glänzendes Upgrade steht oder man aus jedem Stolpern eine Lektion presst, sondern schlicht darin, dass sie lebendig ist. Eigentlich bewahrt sie uns doch davor, innerlich zu versteinern.

Der Zwischenraum zwingt uns dazu, echt hinzusehen, die Kanten zu spüren und mit dem zu arbeiten, was gerade da ist, statt nur blind eine Checkliste abzuarbeiten. Unfertiges ist kein Mangel, den man schnell beheben muss. Es ist der einzige Ort, an dem überhaupt noch etwas entstehen kann oder?

Vielleicht lassen wir den Staub heute einfach mal liegen. Der glitzert auch manchmal…

Eva

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